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DER VITAMIN-B-MANGEL DER FRAU

by anonymous

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DER VITAMIN-B-MANGEL DER FRAU

Alles redet vom Vormarsch der Frauen. In den Top-Etagen der Wirtschaft fehlen sie noch immer. Sie nutzen Beziehungen zu wenig.

Der Champagner wirkt nicht. Die Apérohäppchen hinterlassen höchstens Flecken auf der Bluse. Den Feierabend könnte man sich auch anders vorstellen. Man hat in den Stunden zuvor gute Arbeit geleistet, jetzt dieser lästige Anlass. In der Mitte des Raums der Chef, um ihn herum die wirbelnden Goldjungs, die selbst ernannte nächste Generation. Unverschämtes Selbstvertrauen, superehrgeizig und männlich.

Frauen sind schlechte Netzwerkerinnen. Sie übernehmen in der Wirtschaft knallharte Jobs oder führen fünfhundert Mitarbeiter, manchmal sogar besser als Männer. Aber noch immer verstecken sich viele von ihnen lieber hinter der Kaffeemaschine der Firma, als hinzustehen und zu sagen: Ich bin die Beste.

Tun sie es doch, fällt das «männliche Verhalten» auf sie zurück. Frauen gelten dann schnell mal als verbissen zielstrebig, vor allem im Urteil von Frauen.

Dieser Widerwille, zu umgarnen, wer einem für das berufliche Weiterkommen nützlich sein könnte; die Zurückhaltung, Beziehungen ungeniert zu nutzen, wenn das den Weg zum Erfolg verkürzt: Auch dies schlägt sich im Anteil der Frauen in den Top-Etagen und in Verwaltungsgremien nieder.

Es sind nicht einfach die Männer, die Frauen an ihrer Karriere hindern. Auch hinter diesem Pauschalurteil verstecken sich Frauen gerne. Gegen männliche Seilschaften sei man chancenlos, wenn es um das Zuspielen von Aufträgen oder eine Neubesetzung gehe, sagen sie. Doch heute schliessen Männer Frauen kaum mehr aus, weil sie halt lieber unter sich bleiben. Sondern, so unbequem es klingt: Eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.

Stossen Frauen nach zwei Cüpli dann doch zur Runde, stellt sich die noch giftigere Frage: Bleibt manche Frau nicht ganz gern allein unter Männern?

Wenn Frauen Networking betreiben, dann tun sie es «anders». Das sagen vor allem ältere Wirtschaftsfrauen, die noch gelernt haben, dass Selbstkritik nicht zusammengehen kann mit kämpferischen Werten im Namen der Gleichberechtigung. Jüngere Frauen brauchen den Artenschutz nicht, bestätigt eine kleine Umfrage. Ja, wir sind weniger gut darin, sagt etwa Mariateresa Vacalli, 39, die im Management von Sunrise sitzt. Frauen würden sich tendenziell weniger getrauen, Beziehungen direkt fürs Business zu nutzen: «Eigentlich schade.» Sie schickt nicht nach, dass sich weiblich und männlich schön ergänzen, gerade weil sie so verschieden sind. Sondern meint vielmehr: Frauen könnten von Männern noch einiges lernen.

Katja Gentinetta, 42, stellvertretende Direktorin von Avenir Suisse, sagt zwar: «Keine Frau, die wirklich Ziele hat, vertraut noch auf Zurückhaltung. Wir wissen sehr genau, dass wir uns selbst melden müssen, wenn wir etwas erreichen wollen.» Sie beobachtet aber, dass Frauen während ihrer Arbeitszeit mehr Zeit als Männer mit der eigentlichen Arbeit verbringen als mit Vernetzung. «Tendenziell setzen Frauen eher auf gute Arbeit denn auf gute Kontakte.»

Das zeichnet Frauen nur scheinbar aus. Während Männer beim Wort «Network» vor allem «Arbeit» hören, hören Frauen «sozial». So gut Frauen auch im familiären und emotionalen Vernetzen sind, der Sinn für «soziales Kapital» fehlt ihnen. Es zu erlangen, ist halt auch aufwendig. Man muss rausgehen, sich zeigen und permanent einstehen für sich; Selbstwerbung in Endlosschlaufe. Doch hat man es mal, erleichtert das soziale Kapital viel. Oliver Williamson gewann 2009 den Nobelpreis für seine Theorie, dass Vertrauen 

Transaktionskosten reduziert: Es spart Zeit und kommt billiger, wenn man denjenigen kennt, mit dem man ein Geschäft macht. Manche Frauen empfinden aber «Beziehungen nutzen» zu sehr als «ausnutzen», Networking hat für sie schnell etwas Manipulatives. Kann einem der Erfolg einfach so zufallen, nur weil man geschickt die Fäden spannt? Nein, das wirkt zu unprofessionell: Man muss sich die Anerkennung verdienen.

Frauen mögen Networking nicht, weil sie auch den direkten Wettbewerb weniger suchen. Sie warten grundsätzlich lieber, bis sie entdeckt werden. Laut einer aktuellen Studie der Universität Innsbruck scheuen bereits dreijährige Mädchen den Wettbewerb viel stärker als Knaben. Die geringe Bereitschaft, im direkten Kampf die Leistung zu vergleichen, zog sich durch bis zu den 18-jährigen Studienteilnehmerinnen. Es ist dieselbe Angst, abgewiesen zu werden, wenn man sich für eine Stelle bewirbt. Den meisten Frauen bringt das kompetitive Verhalten keinen Lustgewinn.

Sie tun sich lieber in eigenen Netzwerken zusammen, statt von erfolgreichen Männern zu lernen und deshalb möglichst deren Nähe zu suchen. Doch in Frauennetzwerken macht keine Frau Karriere. Unter Ausschluss derer, die bisher die Kultur des Geschäftens prägten, unterstützt man sich in der Ambition, unbetretenes Terrain zu erobern; geeint in der Ansicht, dass Frauen dieses Terrain noch immer verwehrt bleibt. Man identifiziert sich miteinander, erörtert beim gemeinsamen Wandern, wie schwierig der Aufstieg an die Spitze ist. Frauennetzwerke kranken daran, dass sich darin nur Gleichgesinnte finden. Es fehlt gerade das, was zum Modebegriff geworden ist, wenn es um das Aufmischen von reinen Männerklubs geht: Diversität. Die Mitglieder sind sich zu ähnlich, man fordert sich nicht, hat für Probleme dieselben Lösungen parat.

Der Headhunter Guido Schilling spricht von «Beifallklub der Durchschnittlichkeit»: «Wenn sich eine Frau einem Frauennetzwerk anschliesst, ist das verlorene Energie», sagt er. «Weibliche CEOs und Firmenchefinnen, die Frauen fördern, trifft man dort bestimmt nicht, denn sie haben keine Zeit dafür. Frauen sollten sich Netzwerken anschliessen, in denen sie Menschen begegnen, die dank ihrer Erfahrung und ihrem Erfolg etwas höher als sie stehen.» Ein Netzwerk soll kein Wohlfühlklub sein, sondern immer auch ein bisschen anstrengend.

Dass Frauennetzwerke nicht wie Seilschaften nach männlichem Muster funktionieren, hat für Katja Gentinetta von Avenir Suisse einen einfachen Grund: Frauen fehlen in guten Positionen, um bei Neubesetzungen wirklich Einfluss zu nehmen. Frauen pflegen überhaupt lieber Beziehungen, in denen man persönlich wird, als flüchtigen Kontakten hinterherzujagen. Sie haben Freundinnen ausserhalb des Jobs, während Männer ihre Geschäftspartner Freunde nennen. «Für Männer ist ein Firmenapéro Freizeit, für Frauen eher Teil der Arbeit und somit auch weniger unbeschwert», sagt Michèle Etienne, 38, von Get Diversity, einem Frauennetzwerk, das Verwaltungsrätinnen vermittelt. Männer blicken zudem auf eine lange Erfahrung im halb privaten «Buddying» zurück, geprägt durch Militärdienst oder Studentenverbindung. Man steht notfalls für den andern ein, der nicht zwingend der beste Kumpel sein muss.

Diese Erfahrung fehlt den Frauen, deshalb begreifen sie auch den Kern des Geschäftens — «Nehm ich, so geb ich dir» — nicht. Eine Firmenchefin, 37, die nicht namentlich erwähnt sein will, sagt, dass sie sich früher oft überlegt habe, was ihr ein beruflicher Kontakt persönlich bringe. «Eigentlich möchte ich nur zu Leuten Kontakt pflegen, die mir sympathisch sind», gesteht sie. Zeit für jemanden opfern, den man nicht mag? Wissen an jemanden weitergeben, von dem man nicht weiss, wie er es verwenden wird? Erst jetzt, an der Spitze eines Unternehmens, habe sie gelernt, auch mal zu geben ohne sofortige 

Gegenleistung. Sie hat begriffen: Will man von einem Netzwerk profitieren, muss man über Antipathien hinwegsehen können.

Wenn Frauen sich nicht mögen, reisst der Faden. Wie fragil die Solidarität unter Frauen sein kann, zeigt sich in der Arbeitswelt. Frauen fördern Frauen, sobald sie es an die Spitze geschafft haben. Auf dem Weg dahin stehen einer Frau schnell mal — Frauen im Weg. Am deutlichsten zeigt sich das, wenn Leute unter Stress stehen. Zwar teilen Männer in einer latenten Konkurrenzsituation immer noch weitaus stärker aus als Frauen. Während Männer aber sowohl Männer und Frauen schikanieren, ohne Unterschiede, ist das Angriffsziel von Frauen überwiegend weiblich. Das hat gerade wieder eine Untersuchung des Workplace Bullying Institute, einer amerikanischen Interessengemeinschaft, gezeigt. Sitzen Männer im selben Boot, etwa wenn sie ein gemeinsames Projekt verfolgen, kommt das Männerbündlerische zum Tragen. «Männer unterstützen sich gegenseitig, auch wenn sie sich hassen», sagt Annette Schömmel, 44, vom kreativen Thinklab arthesia, die auch im Verwaltungsrat von Kuoni sitzt und damit eine der wenigen Frauen in der Beletage eines Schweizer Top-Unternehmens ist. «Kommt ein Dritter hinzu, der den einen angreift, stehen sie zusammen.» Frauen würden sich eher scheuen, Partei für ihre Geschlechtsgenossin zu ergreifen, auch wenn es in ihrem Interesse liegen müsste.

Es klingt wie ein Klischee aus der Zeit vor Alice Schwarzer: Aber wenn eigene Vorteile bedroht sind, scheint die Schwesterlichkeit aufzuhören, ob in einem Netzwerk oder einer Arbeitsgemeinschaft. Könnte ja sein, dass der Vorteil, den ich jemandem verschaffe, mir zum Nachteil wird. Die Rivalität wird nicht offen ausgetragen, das tun Frauen weniger: Sie wetteifern ja offiziell nicht. Frontalangriffe sind plump, unfeine Neigungen zu unterdrücken. Man misst sich viel unterschwelliger, dafür unter Einsatz der ganzen Person. Jede Offensive wird persönlich genommen. Klar, verbindet sich dann eine Frau, für die ihre Karriere zum Überlebenskampf wird, lieber nicht in einem weitläufigen Netz. Denn überall lauert potenzielle Gegnerschaft.

Weshalb fühlt sich eine Frau, die von einer andern übertrumpft werden könnte, schneller bedroht als ein Mann? Ist es die fehlende Erfahrung, dass sie denkt, das einmal Erarbeitete und Errungene reicht immer noch nicht, sie muss sich endlos bewähren und genügt doch nie? Das Falscheste ist dann, sich anders als mit fachlicher Kompetenz bewähren zu wollen. Doch manche Frauen scheinen noch so programmiert. Verwaltungsrätin Annette Schömmel hat schon erlebt, dass eine Bewerberin für einen freien Sitz in einem männlich dominierten Gremium bei den Mitgliedern auf Skepsis stiess. Zum nächsten Beurteilungsgespräch kam die Aspirantin «in Satin-High-Heels, Décolleté bis zum Bauchnabel, ich dachte nur: Wie sieht denn die aus?». Eine Frau will die Beste, Schönste, Einzige sein und geliebt werden — in diesem Fall leider mithilfe falscher Waffen. Spricht man mit jüngeren Wirtschaftsfrauen, so fällt einem überhaupt auf: Sie scheinen oft gar kein so grosses Problem zu haben, als einzige Frau im Verwaltungsrat einer Firma zu sitzen. Als ob sie es irgendwie halt doch geniessen, diesen Sonderstatus zu haben.

Das muss nicht ihrer Meinung widersprechen, dass mehr Frauen die Geschäfte positiv beeinflussen würden. Und vor allem: Haben sie es mal geschafft, legen sie die Prinzessinnenrolle gerne ab. Denn dort oben sind sie sowieso ausser Konkurrenz. •

birgit schmid ist Redaktorin des «Magazins». birgit.schmid@dasmagazin.ch

 

 

 

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